Darf mein Hund markieren oder muss er sich „vernünftig lösen“?
Aktualisiert: 4. Sept.
Wenn wir anfangen, normales Hundeverhalten zu verbieten, nur weil es nicht in unsere Vorstellung vom perfekten Spaziergang passt

Neulich bin ich über ein Video in den sozialen Medien gestolpert, in dem empfohlen wurde, Hunden das Markieren zu verbieten. Die Begründung: Der Hund solle nicht ständig markieren, sondern sich „vernünftig lösen“. Wenn man ihm das Markieren untersage, habe er schließlich das Bedürfnis, seine Blase richtig zu entleeren.
Und ich gebe zu: Dieser Gedanke hat mich beschäftigt.
Nicht, weil ich grundsätzlich finde, dass Hunde überall und jederzeit markieren dürfen sollten. Natürlich gibt es Situationen, in denen wir Grenzen setzen müssen. Eine Hauswand, eine fremde Eingangstür oder das Auto eines Nachbarn sind kein geeigneter Ort für eine Markierung.
Was mich beschäftigt, ist etwas anderes:
Warum betrachten wir ein völlig normales hündisches Verhalten überhaupt als etwas, das wir grundsätzlich unterbinden müssen?
Und noch viel mehr:
Warum glauben wir, dass wir bestimmen sollten, wann ein Hund sich „vernünftig“ verhält?
Markieren ist kein Fehlverhalten
Markieren gehört zum normalen Verhaltensrepertoire von Hunden.
Über Urin und Kot können Hunde Informationen hinterlassen und aufnehmen. Gerüche sind für sie nicht einfach nur Gerüche. Sie sind Information.
Wer war hier?
Wer hat diesen Ort besucht?
Ist das ein bekanntes oder unbekanntes Tier?
Was hat sich seit dem letzten Besuch verändert?
Geruchskommunikation ist für Hunde ein wichtiger Bestandteil ihrer Umweltwahrnehmung und sozialen Kommunikation.
Wenn ein Hund an einem geeigneten Ort stehen bleibt, schnüffelt, vielleicht nur eine kleine Menge Urin absetzt und anschließend weitergeht, dann muss das nicht bedeuten, dass er „keine Ahnung hat, wie man richtig Gassi geht“.
Vielleicht kommuniziert er.
Vielleicht verarbeitet er Informationen.
Vielleicht erkundet er seine Umwelt.
Vielleicht hinterlässt er selbst eine Information.
Vielleicht ist es einfach ein Teil dessen, wie dieser Hund seine Umwelt erlebt.
Und vielleicht ist genau das etwas, das wir ihm nicht nehmen müssen.
„Sich lösen“ und „markieren“ sind nicht einfach Gegensätze
Eine wichtige Differenzierung möchte ich an dieser Stelle trotzdem machen:
Markieren und vollständiges Entleeren der Blase sind nicht dasselbe Verhalten.
Beim Markieren werden häufig kleinere Urinmengen an bestimmten Stellen abgesetzt. Ein Hund kann dabei gezielt bestimmte Stellen auswählen und mehrere Markierungen auf einem Spaziergang setzen.
Das bedeutet aber nicht, dass jede kleine Urinmenge automatisch „nur Markieren“ ist oder dass ein Hund beim Markieren seine Blase nicht entleert.
Verhalten ist selten so schwarz-weiß, wie es in kurzen Social-Media-Videos dargestellt wird.
Und genau deshalb halte ich die Aussage
„Verbiete das Markieren, dann löst sich dein Hund richtig“
für problematisch.
Denn sie macht aus einem komplexen Verhalten eine vermeintlich einfache Erziehungsfrage.
Wer entscheidet eigentlich, was „richtig“ ist?
Ich finde diese Formulierung besonders interessant.
Ein Hund schnüffelt.
Er setzt ein paar Tropfen Urin ab.
Er schnüffelt weiter.
Er setzt erneut ein paar Tropfen ab.
Und wir Menschen sagen:
„Nein. Das darfst du nicht. Du sollst dich jetzt richtig lösen.“
Aber was bedeutet „richtig“?
Aus menschlicher Sicht vielleicht:
Blase leeren. Weitergehen. Spaziergang effizient gestalten.
Aus hündischer Sicht kann ein Spaziergang aber sehr viel mehr sein.
Ein Spaziergang ist Umweltwahrnehmung.
Er ist Informationsaufnahme.
Er ist Geruchskommunikation.
Er ist Bewegung.
Er ist soziale Orientierung.
Er ist Exploration.
Er ist Bedürfnisbefriedigung.
Und ja: Er kann natürlich auch dem Ausscheiden dienen.
Der Spaziergang gehört nicht ausschließlich uns.
Wir nehmen Hunden ohnehin schon unglaublich viel ab
Hunde leben in einer Welt, die zu einem großen Teil von uns Menschen organisiert wird.
Wir entscheiden, wann sie aufstehen.
Wann sie fressen.
Wann sie spazieren gehen.
Wo sie schlafen.
Wann sie das Haus verlassen.
Welche Wege wir nehmen.
Welche Hunde sie treffen.
Wie weit sie laufen.
Wann sie zurückkommen.
Welche Orte sie betreten dürfen.
Welche Verhaltensweisen wir angenehm finden.
Und welche wir korrigieren.
Das ist nicht grundsätzlich schlecht.
Zusammenleben braucht Regeln.
Natürlich müssen Hunde lernen, dass bestimmte Orte tabu sind. Niemand möchte, dass der Hund an die Haustür der Nachbarn pinkelt oder einen Kinderwagen markiert.
Aber zwischen „Ich setze an bestimmten Orten eine sinnvolle Grenze“ und „Mein Hund darf grundsätzlich nicht markieren“ liegt ein gewaltiger Unterschied.
Und genau diesen Unterschied sollten wir meiner Meinung nach machen.
Grenzen setzen, ohne Hundeverhalten abzuwerten
Bedürfnisorientiertes Hundetraining bedeutet für mich:
Ich frage mich zuerst, welches Bedürfnis hinter einem Verhalten steckt und ob ich dieses Bedürfnis ermöglichen kann.
Wenn mein Hund auf einer geeigneten Grünfläche markieren möchte?
Warum sollte ich ihn daran hindern?
Wenn er an einer Stelle besonders intensiv schnüffelt und anschließend markiert?
Warum sollte ich ihn unnötig weiterziehen?
Wenn er an einer ungeeigneten Stelle markieren möchte?
Dann kann ich ihn freundlich daran hindern.
Ich kann mit ihm weitergehen.
Ich kann ihm einen geeigneten Ort anbieten.
Ich kann Management nutzen.
Ich kann Alternativen schaffen.
Ohne aus seinem Verhalten ein Fehlverhalten zu machen.
Ein Nein zu einem Ort muss kein Nein zum Bedürfnis sein.
Und genau das ist für mich ein entscheidender Unterschied.
Was passiert, wenn wir jedes Verhalten kontrollieren?
Ich finde, wir sollten uns viel häufiger fragen, was wir unseren Hunden eigentlich vermitteln, wenn wir ständig bestimmen:
Schnüffeln? Zu lange.
Markieren? Unerwünscht.
Buddeln? Verboten.
Stehen bleiben? Weiter.
Gras fressen? Nein.
Kontakt aufnehmen? Nicht jetzt.
Distanz einfordern? Muss nicht sein.
Bewegen? L angsam.
Schnüffeln? Komm weiter.
Und irgendwann besteht ein Spaziergang hauptsächlich aus menschlichen Vorgaben.
Natürlich braucht ein Hund Orientierung.
Aber Orientierung ist nicht dasselbe wie permanente Kontrolle.
Ein Hund muss nicht „funktionieren“, um ein guter Begleiter zu sein
Vielleicht ist genau das mein größter Wunsch für unsere Mensch-Hund-Beziehungen:
Dass wir aufhören, Hunde ausschließlich danach zu beurteilen, wie gut sie in unseren Alltag funktionieren.
Ein Hund, der fünf Kilometer neben uns herläuft, ohne einmal stehen zu bleiben, kann sehr gut erzogen sein.
Aber ein Hund, der an jedem passenden Baum stehen bleibt, schnüffelt, Informationen aufnimmt und seine Umwelt erkundet, ist deshalb nicht weniger gut erzogen.
Vielleicht ist er einfach ein Hund.
Und vielleicht dürfen wir genau das wieder mehr sehen.
„Aber mein Hund markiert ständig!“
Auch hier lohnt sich der differenzierte Blick.
Wenn ein Hund plötzlich deutlich häufiger uriniert, sehr kleine Mengen absetzt, auffällig oft versucht zu urinieren oder sein Ausscheidungsverhalten sich verändert, sollte zunächst auch an körperliche Ursachen gedacht werden.
Und natürlich kann häufiges Markieren unterschiedliche Funktionen und Hintergründe haben.
Auch emotionaler Stress, soziale Situationen, Umweltveränderungen oder hohe Erregung können eine Rolle spielen.
Dann geht es nicht darum, das Verhalten einfach zu verbieten.
Dann geht es darum, hinzuschauen.
Was versucht mein Hund mir zu sagen?
Was passiert unmittelbar davor?
In welcher Umgebung tritt es auf?
Welche Funktion könnte das Verhalten haben?
Und vor allem:
Braucht mein Hund gerade Training – oder braucht er gerade Unterstützung?
Vielleicht sollten wir weniger fragen: „Wie bekomme ich das weg?“
Und stattdessen häufiger fragen:
„Warum macht mein Hund das?“
Das verändert unglaublich viel.
Denn sobald wir Verhalten verstehen wollen, müssen wir nicht mehr automatisch dagegen arbeiten.
Wir können unterscheiden.
Wir können abwägen.
Wir können Grenzen setzen, wenn sie wirklich notwendig sind.
Und gleichzeitig dürfen wir unseren Hunden Verhaltensweisen lassen, die niemandem schaden und für sie völlig normal sind.
Für mich ist das echte Augenhöhe.
Nicht, weil Mensch und Hund identisch wären.
Sondern weil ich meinen Hund als Lebewesen ernst nehme.
Mit eigenen Bedürfnissen.
Mit eigener Wahrnehmung.
Mit eigenen Kommunikationsformen.
Und mit einem eigenen Verhaltensrepertoire.
Vielleicht müssen Hunde nicht weniger Hund sein
Ich glaube, genau darum geht es mir bei diesem Thema.
Wir leben mit Hunden zusammen, aber wir dürfen dabei nicht vergessen, dass sie keine kleinen Menschen auf vier Pfoten sind.
Sie kommunizieren anders.
Sie nehmen ihre Umwelt anders wahr.
Sie haben andere Bedürfnisse.
Und sie haben Verhaltensweisen, die für uns manchmal nebensächlich erscheinen, für sie aber einen echten Wert haben können.
Markieren gehört dazu.
Und solange mein Hund an einem geeigneten Ort markiert, sehe ich keinen Grund, daraus grundsätzlich ein Problem zu machen.
Ich möchte meinem Hund nicht möglichst viel von seinem Hundesein abtrainieren.
Ich möchte lernen, wie ich mit einem Hund zusammenleben kann, der Hund sein darf.
Denn vielleicht ist die bessere Frage nicht:
„Wie bringe ich meinem Hund bei, sich vernünftig zu lösen?“
Sondern:
„Wie können wir unseren Spaziergang so gestalten, dass mein Hund seine Bedürfnisse ausleben kann und wir beide gut damit leben können?“
Für mich beginnt genau dort bedürfnisorientiertes Zusammenleben.
Nicht beim perfekten Gehorsam. Sondern beim Verstehen.






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