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Kontrollverhalten beim Hund – oder einfach Nähe?

9. Okt.
6 Min. Lesezeit

Warum Kontaktliegen, Nähe suchen und Folgen nicht automatisch bedeuten, dass dein Hund dich kontrollieren möchte.

Vielleicht kennst du solche Aussagen aus Social Media:

„Dein Hund kontrolliert dich.“

„Er ist distanzlos.“

„Er dringt in deinen persönlichen Raum ein.“

„Wenn dein Hund ständig Körperkontakt sucht, versucht er, dich zu kontrollieren.“

Und manchmal wird dafür ein ganz alltägliches Verhalten als Beispiel genannt: Der Hund liegt dicht bei seinem Menschen. Vielleicht auf den Füßen, an den Beinen oder direkt neben ihm auf dem Sofa.

Aus einem Moment von Nähe wird plötzlich ein vermeintliches Verhaltensproblem.

Aber was sehen wir eigentlich wirklich?

Einen Hund, der Nähe sucht.

Und genau hier lohnt es sich, einmal genauer hinzuschauen.

Was bedeutet eigentlich „Kontrollverhalten“?

Der Begriff klingt zunächst eindeutig.

Der Hund kontrolliert seinen Menschen.

Aber was bedeutet das konkret?

Kontrolliert er dessen Bewegungen? Versucht er, ihn am Weggehen zu hindern? Möchte er bestimmen, wann und wohin sich der Mensch bewegt? Versucht er, Zugang zu Personen oder Ressourcen zu beeinflussen?

Solche Verhaltensweisen können natürlich vorkommen. Hunde können durchaus versuchen, Einfluss auf ihre Umwelt und das Verhalten anderer Individuen zu nehmen.

Das Problem ist nicht der Begriff an sich. Das Problem entsteht dann, wenn er zum Universaletikett für ganz unterschiedliche Verhaltensweisen wird.

Denn:

„Kontrollverhalten“ beschreibt nicht automatisch die Funktion eines Verhaltens.

Wenn ein Hund seinem Menschen folgt, kann das ganz unterschiedliche Gründe haben.

Wenn er Körperkontakt sucht, ebenfalls.

Wenn er sich zwischen die Beine seines Menschen stellt, auch.

Das beobachtbare Verhalten allein sagt uns noch nicht, warum der Hund es zeigt.

Kontaktliegen ist zunächst einmal: Kontakt

Nehmen wir das Beispiel, das mich zu diesem Thema gebracht hat:

Ein Hund liegt eng bei seinem Menschen.

Vielleicht lehnt er seinen Körper an dessen Bein. Vielleicht liegt er auf den Füßen. Vielleicht kuschelt er sich an oder schläft mit Körperkontakt.

Und daraus wird:

„Der Hund kontrolliert dich.“

Aber zunächst einmal wissen wir nur:

Der Hund sucht körperliche Nähe.

Und Nähe kann für Hunde viele Funktionen haben.

Sie kann soziale Verbundenheit herstellen oder aufrechterhalten. Sie kann angenehm sein. Sie kann Wärme bieten. Sie kann Ruhe unterstützen. Und sie kann einem Hund in bestimmten Situationen auch Sicherheit vermitteln.

Hunde sind soziale Lebewesen. Körperliche Nähe und soziale Kontaktaufnahme gehören zu ihrem normalen sozialen Verhaltensrepertoire.

Auch die Forschung zur Mensch-Hund-Bindung beschäftigt sich mit der Funktion von Nähe und Kontakt. Vertraute Bezugspersonen können für Hunde eine Art sichere Basis darstellen und insbesondere in ungewohnten oder belastenden Situationen Sicherheit vermitteln.

Das bedeutet natürlich nicht, dass jedes Näheverhalten automatisch unproblematisch ist.

Aber es bedeutet:

Nähe ist nicht automatisch ein Problem.

Und schon gar nicht automatisch Kontrolle.

„Aber mein Hund folgt mir überall hin!“

Auch das wird häufig sehr schnell als Kontrollverhalten bezeichnet.

Der Mensch steht auf.

Der Hund steht ebenfalls auf.

Der Mensch geht ins Badezimmer.

Der Hund kommt hinterher.

Der Mensch geht in die Küche.

Der Hund folgt.

„Siehst du? Dein Hund kontrolliert dich!“

Nein.

Wir sehen zunächst einen Hund, der seinem Menschen folgt.

Warum er das tut, wissen wir damit noch nicht.

Vielleicht möchte er soziale Nähe.

Vielleicht erwartet er, dass etwas Interessantes passiert.

Vielleicht hat er gelernt, dass Aufstehen mit bestimmten Ereignissen verbunden ist.

Vielleicht fühlt er sich in der Nähe seines Menschen sicherer.

Vielleicht fällt ihm Distanz schwer.

Vielleicht möchte er tatsächlich Einfluss auf eine Situation nehmen.

All diese Möglichkeiten können existieren.

Deshalb sollte unsere Frage nicht lauten:

„Ist das Kontrollverhalten?“

Sondern:

„Welche Funktion könnte dieses Verhalten in genau dieser Situation haben?“

Und dann ist da noch die Sache mit der „Distanzlosigkeit“

Besonders schwierig finde ich die Aussage, ein Hund sei „distanzlos“ oder sogar „übergriffig“, weil er in den Raum seines Menschen eindringt.

Auch hier wird aus einem Verhalten sehr schnell eine menschliche Bewertung.

Der Hund kommt nah.

Er stellt sich zwischen die Beine.

Er legt sich an seinen Menschen.

Er möchte mit auf das Sofa.

Und schon heißt es:

„Er respektiert deine Individualdistanz nicht.“

Aber wessen Maßstab benutzen wir hier eigentlich?

Natürlich haben Hunde individuelle Distanzen. Sie kommunizieren über Annäherung und Abstand. Sie können sehr deutlich zeigen, wenn ihnen die Nähe eines anderen Hundes oder Menschen unangenehm ist.

Aber daraus folgt nicht:

Jede Annäherung ist eine Grenzüberschreitung.

Ein Hund, der sich freiwillig an seinen Menschen legt, kann schlicht Kontakt suchen.

Ein Hund, der sich zwischen die Beine seines Menschen stellt, kann dort Nähe oder Sicherheit suchen.

Ein Hund, der sich eng an seinen Menschen kuschelt, muss nicht „in dessen Raum eindringen“.

Vielleicht ist dieser Raum für beide überhaupt kein Problem.

Vielleicht ist es schlicht gemeinsamer Sozialraum.

„Übergriffig“ ist kein besonders hilfreiches Etikett

Ich finde es problematisch, wenn wir Begriffe wie „übergriffig“ aus menschlichen sozialen und moralischen Kontexten auf ganz normales hündisches Verhalten übertragen.

Denn damit bekommt das Verhalten sofort eine Wertung.

Der Hund macht nicht einfach etwas.

Er macht etwas Falsches.

Er „respektiert keine Grenzen“.

Er „nimmt sich Raum“.

Er „drängt sich auf“.

Und plötzlich betrachten wir einen Hund, der eigentlich Kontakt sucht, durch eine völlig andere Brille.

Dabei kann es natürlich Situationen geben, in denen ein Hund die Distanz eines Menschen tatsächlich nicht akzeptiert.

Wenn ein Mensch Abstand herstellen möchte und der Hund wiederholt nachsetzt, ihn körperlich blockiert oder seine Bewegungen verhindert, lohnt es sich selbstverständlich, genauer hinzuschauen.

Aber auch dann bringt uns das Etikett „übergriffig“ alleine nicht weiter.

Wir müssen verstehen, was der Hund damit erreichen möchte und warum er es tut.

Nähe und Selbstständigkeit sind keine Gegensätze

Ein weiterer Denkfehler besteht darin, dass ein Hund, der viel Nähe sucht, automatisch unselbstständig oder abhängig sein müsse.

Aber warum eigentlich?

Ein Hund kann gerne neben seinem Menschen schlafen und trotzdem gut alleine bleiben können.

Er kann Körperkontakt genießen und trotzdem selbstständig erkunden.

Er kann seinem Menschen folgen und trotzdem wieder Abstand nehmen.

Er kann Nähe suchen und anschließend selbst entscheiden, wieder aufzustehen.

Nähe und Selbstständigkeit schließen sich nicht gegenseitig aus.

Entscheidend ist vielmehr die Flexibilität des Hundes.

Kann er sich auch entfernen?

Kann er ruhen?

Kann er sich mit seiner Umgebung beschäftigen?

Kann er Abstand aushalten?

Kann er auf ein freundliches Abgrenzungssignal reagieren?

Und vor allem:

Gibt es überhaupt ein Problem?

Denn manchmal versuchen wir, ein Verhalten zu lösen, das eigentlich nur deshalb zum Problem geworden ist, weil uns jemand erzählt hat, dass es eines sei.

Verhalten braucht Kontext

Genau hier liegt für mich der entscheidende Punkt.

Wir sollten Verhalten nicht isoliert betrachten.

Nicht:

„Mein Hund liegt auf meinen Füßen – Kontrollverhalten!“

Sondern:

  • Was passiert gerade?

  • Was hat der Hund unmittelbar vorher gemacht?

  • Wie wirkt seine Körpersprache?

  • Was passiert, wenn der Mensch aufsteht?

  • Kann der Hund Abstand akzeptieren und wie geht es ihm dabei?

  • Was passiert, wenn der Mensch den Kontakt beendet?

  • Welche Konsequenz hat das Verhalten für den Hund?

  • In welchen Situationen tritt es auf?

  • Gibt es möglicherweise Stress, Unsicherheit, Schmerzen oder andere Faktoren, die das Verhalten beeinflussen?

Erst wenn wir diese Informationen haben, können wir anfangen, über die Funktion eines Verhaltens zu sprechen.

Nicht jedes Verhalten braucht eine Veränderung

Das ist vielleicht der wichtigste Gedanke dieses ganzen Themas.

Nicht jedes Verhalten, das wir beobachten, muss verändert werden.

Ein Hund darf Nähe suchen.

Ein Hund darf Körperkontakt genießen.

Ein Hund darf seinem Menschen folgen.

Ein Hund darf sich an seinen Menschen kuscheln.

Ein Hund darf sich in seinem sozialen Umfeld sicher fühlen.

Die entscheidende Frage ist nicht:

„Wie bringe ich meinem Hund bei, weniger Nähe zu wollen?“

Sondern:

„Warum sucht mein Hund gerade diese Nähe – und funktioniert diese Situation für uns beide?“

Wenn Mensch und Hund mit dem Verhalten gut zurechtkommen und die Bedürfnisse beider Seiten berücksichtigt werden, müssen wir nicht aus jedem Kontaktliegen ein Trainingsprojekt machen.

Und was ist nun mit echtem Kontrollverhalten?

Natürlich können Hunde Verhalten zeigen, mit dem sie versuchen, Einfluss auf ihre Umwelt oder andere Individuen zu nehmen.

Das sollten wir nicht leugnen.

Aber auch hier hilft uns eine differenzierte Betrachtung mehr als ein pauschales Etikett.

Ein Hund, der beispielsweise wiederholt versucht, eine Person am Weggehen zu hindern, Bewegungen blockiert oder auf bestimmte Handlungen seines Menschen mit deutlichem Konfliktverhalten reagiert, zeigt etwas anderes als ein Hund, der entspannt neben seinem Menschen liegt.

Das Verhalten mag oberflächlich ähnlich mit „Nähe“ zu tun haben – die Funktion kann aber eine völlig andere sein.

Genau deshalb ist es so wichtig, zwischen Beobachtung und Interpretation zu unterscheiden.

„Der Hund liegt auf dem Fuß.“

Das ist eine Beobachtung.

„Der Hund kontrolliert seinen Menschen.“

Das ist eine Interpretation.

Und zwischen beidem liegt die eigentliche Verhaltensanalyse.

Vielleicht sollten wir unseren Hunden einfach wieder genauer zuhören

Social Media liebt einfache Erklärungen.

Ein Verhalten wird gezeigt.

Dazu gibt es ein Etikett.

Kontrollverhalten.

Dominanz.

Distanzlosigkeit.

Übergriffigkeit.

Und schon scheint die Welt erklärt.

Nur: Hunde passen nicht in Vorlagen.

Dasselbe Verhalten kann unterschiedliche Funktionen haben. Und dieselbe Funktion kann sich in unterschiedlichen Verhaltensweisen zeigen.

Deshalb möchte ich dazu ermutigen, wieder genauer hinzuschauen.

Nicht jedes Verhalten muss problematisiert werden.

Nicht jede Nähe ist "Kontrolle".

Nicht jede Annäherung ist Distanzlosigkeit.

Nicht jeder Körperkontakt ist eine Grenzüberschreitung.

Und ein Hund, der gerne bei seinem Menschen liegt, muss nicht lernen, weniger Nähe zu brauchen.

Vielleicht möchte er einfach genau das:

bei seinem Menschen sein.

Und vielleicht ist das manchmal nicht komplizierter als das.

Zum Mitnehmen

Beobachten statt etikettieren.

Verstehen statt vorschnell bewerten.

Funktion betrachten statt Verhalten nur benennen.

Denn bevor wir einem Hund unterstellen, dass er uns kontrollieren, bedrängen oder „in unseren Raum eindringen“ möchte, sollten wir uns eine ganz einfache Frage stellen:

Was, wenn er gerade einfach Nähe sucht?

 
 
 

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